# PETER
Utrecht-Berlin-Sao Paulo

Peter und Berlin, das war zunächst keine Liebesbeziehung. Als der Niederländer 2000 für ein Radiohead-Konzert nach Berlin gekommen ist, war er erstmal erschlagen von der Stadt. Sein Fazit lautete damals: “Du läufst stundenlang, und irgendwann landest Du in einer schäbigen Pizzeria in Charlottenburg.” Zum Glück hat er Berlin dann doch noch eine zweite Chance gegeben und da hat es dann endlich gefunkt. Eine maßgebliche Rolle spielte dabei Friedrichshain. Dort fühlt sich der Peter mittlerweile so wohl, dass er gar nicht mehr gehen möchte. Obwohl er einen weiten Weg auf sich nehmen muss, um seine Freundin zu besuchen - denn die wohnt in Brasilien.
Peter, was hat dazu geführt, dass Du Dich nach Deinem ersten, nicht so
erfolgreichen Besuch, dann doch noch in Berlin verliebt hast? Bei
meinem zweiten Besuch hat sich die Stadt unter meine Haut gelegt. Ich war hier damals fuer ein Radiohead Konzert, aber den Tag des Konzertes, 11. September 2001, wuerde ueberschattet von den Terror-Anschlaegen in den USA. Hier in Berlin, Hauptstadt der 20. Jahrhundertgeschichte, habe ich so richtig die historische Spannung gefühlt. Ein paar Bekannte von mir haben damals hier gewohnt und ich hab die nachher immer wieder für ein paar Tage besucht und jedesmal habe ich mir gedacht, “wow, hier ist richtig was los”.
Wie war es, also Du 2004 dann für ein Auslandssemester hier warst? Ich
habe in der Rigaer Straße gewohnt und ich war so fazsiniert von den
Gesichtern und Geschichten der Stadt. Ich hatte das Gefühl, dass ich
so richtig mittendrin war in Friedrichshain. Die Stadt hat sich mir
offenbart, ich war neugierig auf alles, was hinter jeder Tür gesteckt
hat und habe viele schöne überraschungen gefunden. An der HU habe ich
damals an einem Dokumentarfilm über das Rundfunkgelände in der
Nalepastraße gearbeitet, der natürlich niemals fertig geworden
ist….aber so habe ich gespürt, dass es hier richtig viel an gelebter
Geschichte gibt.
Und dann ging es irgendwann wieder zurück in die Niederlande… ja,
ich sollte eigentlich nur ein Semester bleiben, aber ich wollte nicht
gehen und aus 6 wurden dann 8 Monate, irgendwann musst man mich fast
mit Gewalt zurück holen. Ich fand das total krass, wie unglaublich
liberal alles hier ist. Ich komme aus Holland, wo jeder denkt, dass es
dort tolerant und liberal ist, aber das ist bullshit. Berlin ist so viel liberaler! Hier in Berlin
ist so viel raum - überall: auf der Straße, in der Wohnung und im Kopf!
Was hast Du dann mit Deiner Berlinsehnsucht gemacht? Ich habe dann
noch dreieinhalb jahre in Utrecht gewohnt, bin aber immer wieder
hierher zurückgekehrt, fast jeden 2. Monat und insgesamt bestimmt 20
Mal. Und jedes Mal hatte ich das Gefühl: das ist ein ganz spezieller
Ort, an den ich hingehöre. Ich wollte aber nicht um jeden Preis nach
Berlin, nur um dann in irgendeiner Spülküche zu sein, ich wollte schon
etwas richtiges machen.
Das “richtige” ist Dir dann 2008 gelungen! Ja, und der Grund dafür
hatte viel mit meiner Liebe für Berlin zu tun. Ich habe in Utrecht im
Kulturbereich gearbeitet und dort ein Festival über Berlin
veranstaltet, über die Kulturen und Subkulturen und Berliner Filme und
Künstler nach Holland geholt. Das Festival hieß Mitte Bitte!, dort haben unter anderem. Caspar Broetzmann und Wir sind Helden gespielt. Es dauerte neun Tage lang und ist supergut angekommen, und da habe ich mich gefragt: Was ist jetzt der nächste Schritt?
…und wie sah er aus, der nächste Schritt? Zunächst gab es zwei
direkte Follow-ups: ein niederländisch-flämisches Kulturfestival in
Berlin, das Flachlandfest 2008. Fast aber noch wichtiger war ein Event
in Utrecht im Jahr 2009: Die Stadt hatte mich gebeten, einen “Berlintag” zu
veranstalten. Letztendlich wurde ein ganzes Wochenende draus an über
vierzig Locations in der Stadt, mit Bezug auf ‘20 jahre Mauerfall’.
Viele Bekannte Künstler haben mitgemacht, darunter Romy Haag, Thomas
Brussig, Herman van Veen, Alec Empire und Cees Noteboom. Daneben gab
es ein Buchprojekt über die Utrechter Straße in Wedding und eine
Parallelstraße dazu in Utrecht.
Welche Erinnerung hast Du mit dem Fall der Berliner Mauer? Ich bin 33
und habe den Mauerfall bewusst erlebt, ich war als kind schon ziemlich
neugierig. Mein Vater hat mich an diesem Abend aufgeweckt mit den
Worten: “steh auf, das ist Geschichte!” Aber bei Leuten, die ein paar
jahre jünger sind, ist das natürlich nicht der Fall. Mir war es
wichtig, innerhalb dieser Berlintage mit Kulturprogrammen persönliche Geschichten zu vermitteln, damit auch die Generation unter 30 einen Bezug zu etwas haben kann,was für die heutige Generation manchmal schon zu abstrakt ist.
Mit solchen Ideen arbeitest Du nun auch in Berlin. Ja, internationale
Verbindungen sind für mich ein ganz wichtiges Thema geworden. Ich
lasse mich inspirieren von der ganzen Welt, die hier in Berlin lebt,
die mit Couchsurfing zu Besuch ist oder aus welchen Gründen auch
immer. Ich bin ein Niederländer, der in Deutschland wohnt, sogar in
Berlin, meine Freundin ist Brasilianerin, mein Bruder wohnt in der
Schweiz, meine familie in Holland…Zur Zeit arbeite ich einem
Fotoprojekt ueber Fussball, das quer durch die Welt gehen soll Seit ich in Berlin lebe, bin
ich internationaler geworden, und offener für die Welt.
Erzähl noch mal ein bisschen von Deiner Anfangszeit 2004 in
Friedrichshain. Ich fand es einfach großartig dort. Ich habe in der
Rigaer in einer WG gewohnt und die Kneipe bei uns um die Ecke war das
Kellerloch, wo man reinkriechen musste. Ich hatte das Gefühl, dass ich
nur die Haustür öffnen musste und ich war mittendrin im reizvollen Leben. Die
Jahre darauf, als ich freunde besuchte war ich regelmäßig in
Friedrichshain, aber auch in Neukölln und Kreuzberg.
Jetzt wohnst Du wieder hier im Kiez, Du scheinst also nicht von
Friedrichshain loszukommen…Genau. Als ich eine 2008 eine Wohnung
gesucht habe, hatte ich mich für Friedrichshain oder Kreuzberg
entschieden- beides ist schön. Als ich aus der U5 gestiegen bin, habe
ich in der Samariterstraße einen Zettel am Laternenmast hängen sehen:
„Suche Nachmieter ab sofort“. Eine halbe Stunde später stand ich im
Wohnzimmer eines russischen Künstlers, der nach Sankt Petersburg
zurückwollte und dessen Nachmieter kurzfristig abgesagt hatte. Eine
weitere halbe Stunde später hatte ich den Wohnungsschlüssel. In Berlin
gibt es so viele tolle Ecken, aber wenn ich hier bin, dann ist das
wahrscheinlich einfach nur mein Kiez. Schöner zufall oder vielleicht
auch “Energie”.
Wie hat sich der Kiez für Dich seitdem verändert? Es gibt Veränderung,
das ist klar. Friedrichshain ist immer noch ganz toll und ganz nett
und wird es wahrscheinlich noch für eine Weile bleiben. Aber das ganz
Raue, was ich damals noch spürte, ist nicht mehr da. Ich liebe noch
immer gerne das RAW-gelände und ich erinnere mich, dass ich damals bei
Lesebühnenabenden war bei Kerzenlicht. Das Gelände ist immer noch
toll, aber jetzt wird der Untergrund dort kommerzieller betrieben. Ich
kann mich an viele tolle Parties erinnern in der ‘Black Girls
Coalition’, einer Wohnzimmerbar. Dort hat eine 2-Meter-große Drag
Queen aus New York White Trash Musik aufgelegt…solche orte gibt es
nicht mehr so viele. Diese Gefühl findet man jetzt in anderen Ecken in
der Stadt. Und die Entwicklung, dass man 20% mehr Miete zahlen muss,
diese Entwicklung spüre ich natürlich auch.
Wie würdest Du Berlin mit einem Satz beschreiben? Mit einem kleinen
Bezug zur Filmgeschichte: “a city with lots of open space, filled in
by lots of people with open minds. Berlin open city. Even an open
book, if u look in the future”.
Und Friedrichshain? Friedrichshain ist für mich ein ganz lockere,
bunte Mischung zwischen politischem Aktivismus, zwischen
Internationalität und Stadtentwicklung. Immer noch.
Mehr von Peter? Bitteschön:
Mit seinem Caravan Hitchhiking Project ist Peter mit einem befreundeten Liedermacher von Utrecht nach Istanbul gereist - und zwar nur mit einem Wohnwagen. Wie das Projekt “Anhängerkupplung gesucht” von statten ging, könnt Ihr Euch im Trailer anschauen.
Ein Video des Niemandsland-Festival in Utrecht seht Ihr hier, Videos zum Flachlandfest hier.
Für Kenner der niederländischen Sprache: Peters musikalisches Berlin-Tagebuch aus dem Jahr 2004.
Und zu guter Letzt kann man mit Peter die Stadt auf dem Fahrrad erkunden, bei Berlin On Bike.







