Maerchenbrunnen

Menschen, Orte und Geschichten in Friedrichshain.

# Zora

Ex-Model, Boutiquenbesitzerin und Burlesque-Tänzerin

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Zora hat es im Spätsommer letzten Jahres mit ihrer Vintage-Boutique nach Friedrichshain verschlagen. Bei Tag charmante Stilberaterin, die auch bei Stylingnotfällen immer weiß, was zu tun ist, dreht sie bei Nacht auf der Bühne auf, als burleske Tänzerin bei den berühmten Teaserettes. Wie sie von Prag über L.A. nach Berlin gekommen ist und warum Männer durchaus Jogginghosen tragen dürfen, hat sie uns im Interview verraten, bei einem Glas Apfelschorle und einer Kopfschmerztablette (danke dafür!)

Zora, erzähl doch mal wie es zur Idee für die Fräulein Glitter Boutique gekommen ist. Die Idee für den Laden entstand vor über einem Jahr, als ich eine Shoppingtour in London gemacht habe. Da habe ich viele interessante Läden ausgecheckt, Boutiquen mit ausgefallener Mode aber auch Erotikshops für Ladies. Ich komme aus Prag, habe dort gemodelt und Tanz studiert und vor 12 Jahren nach Berlin gekommen…davor habe ich fast zwei Jahre in den USA mit Modelabels gearbeitet. In Berlin habe ich dann Künstler und Models vermittelt und mit vielen Designern und Fotografen zusammengearbeitet. Und jetzt mache ich meine eigene Boutique mit Vintage-Mode.

Wo kommt Dein Faible für diese bestimmt Art von Mode her? Die Leidenschaft hab ich von meiner Mama geerbt, sie hat sich immer sehr elegant und individuell gekleidet, wobei sie oft auch Second Hand Sachen getragen hat.

Neben der Boutiquenbesitzerin gibt es aber auch noch eine andere Persönlichkeit von Dir: als „Miss Popalina“ bringst Du die Männer als burleske Tänzerin um den Verstand. Bist Du als in Deiner Burleske-Rolle eine andere Person? Ich habe dort erst als „Special Appearance“ angefangen und seit vier Jahren bin ich dort festes Mitglied… schöne Frage, aber nein, ich denke ich bin beides in einem.

Nun hat es Dich mit Deiner Boutique nach Friedrichshain verschlagen – was gefällt Dir hier so gut? Der Kiez ist toll! Hier sind viele alternative kleine Lädchen, Restaurants und Bewohner, alles ist sehr individuell und hier ist die Hölle los. Das passt alles super zu meinem Konzept. Bei mir ist’s nicht teuer, man bekommt auch schon etwas für 15 Euro. Ich möchte den Friedrichshainerinnen elegante Klamotten anbieten, die normal tragbar sind, die Weiblichkeit ausdrücken, damit sie chic aussehen und sich als was besonderes fühlen.

Deine Mutter hat Deinen Modegeschmack geprägt – wer inspiriert Dich sonst noch? Das sind für mich Heldinnen wir Marilyn Monroe, Dita von Teese na klar, Audrey Hepburn…ich bin sehr inspiriert von der Mode der Sechziger Jahre, dem Stil Twiggys und von Chanel, die damals etwas verändert haben. Petticoats wurden etwas schlichter, die Hosen etwas männlicher. Mir gefällt die Idee, dass man nicht pipapo Accessoires tragen muss, sondern auch mit einfachen Dingen einen raffinierten Sexappeal kreiieren kann.

Wie würdest Du Deinen eigenen Stil beschreiben? Ich kombiniere ganz viel Altes mit Neuem und suche immer nach Klamotten, die zusammen passen könnten. Manchmal wenn ich ausgehe will ich wie eine Diva aussehen, da trag ich etwas sehr wertvolles Altes, kombiniere es mit feinem Schmuck und trage dazu Pumps. Ich spiele gerne mit Kleidung und mag auch wilde Sachen. Ich stehe total auf High Heels. Ich gehe oft ins Theater zu Premieren, oder in den Wintergarten, die Bar jeder Vernunft…da müssen dann auch die Haare hochgesteckt werden. Man sollte aber niemanden kopieren, man sollte seinen eigenen Stil für sich finden, und ich helfe den Leuten, diesen Stil zu finden.

Was wünschst Du Dir für Deine Boutique? Ich möchte, dass die dich Besucher sich wohlfühlen in diesem Laden, der so ein bisschen wie ein Cabaret ist. Zwei Monate lang haben Künstler geholfen, meine Idee umzusetzen und ich hoffe, dass man das merkt, dass das hier ein ganz besonderer Ort ist, an dem man nicht nur Kleidung finden kann, sondern gleich auch noch das passende Make-Up und Styling dazu bekommen kann. Ich möchte gerne, dass die Leute hier viel Zeit verbringen und viele Sachen aus- und anprobieren.

Was muss ein Mann tragen, dass er Dir gefällt? Kommt darauf an, welche Uhrzeit es ist – zu Hause kann er gern wenig anhaben. Wenn wir abends zusammen ausgehen, mag ich weiße Hemden, schicke Hosen..ich mag es, wenn Männer sich zu bestimmten Anlässen wirklich gut anziehen können.

Und was geht gar nicht? Wenn irgendwie gar nix zusammenpasst, das finde ich furchtbar. Im Grunde genommen kann man ja auch mit Jogginghosen gut aussehen.



Fräulein Glitter Boutique

http://www.fraeulein-glitter.de

Dienstag – samstag ab 12.00 bis 20.00.

The Teaserettes

http://www.teaserettes.de

# PETER

Utrecht-Berlin-Sao Paulo

Peter und Berlin, das war zunächst keine Liebesbeziehung. Als der Niederländer 2000 für ein Radiohead-Konzert nach Berlin gekommen ist, war er erstmal erschlagen von der Stadt. Sein Fazit lautete damals: “Du läufst stundenlang, und irgendwann landest Du in einer schäbigen Pizzeria in Charlottenburg.” Zum Glück hat er Berlin dann doch noch eine zweite Chance gegeben und da hat es dann endlich gefunkt. Eine maßgebliche Rolle spielte dabei Friedrichshain. Dort fühlt sich der Peter mittlerweile so wohl, dass er gar nicht mehr gehen möchte. Obwohl er einen weiten Weg auf sich nehmen muss, um seine Freundin zu besuchen - denn die wohnt in Brasilien.

Peter, was hat dazu geführt, dass Du Dich nach Deinem ersten, nicht so
erfolgreichen Besuch, dann doch noch in Berlin verliebt hast? Bei
meinem zweiten Besuch hat sich die Stadt unter meine Haut gelegt. Ich war hier damals fuer ein Radiohead Konzert, aber den Tag des Konzertes, 11. September 2001, wuerde ueberschattet von den Terror-Anschlaegen in den USA. Hier in Berlin, Hauptstadt der 20. Jahrhundertgeschichte, habe ich so richtig die historische Spannung gefühlt. Ein paar Bekannte von mir haben damals hier gewohnt und ich hab die nachher immer wieder für ein paar Tage besucht und jedesmal habe ich mir gedacht, “wow, hier ist richtig was los”.

Wie war es, also Du 2004 dann für ein Auslandssemester hier warst? Ich
habe in der Rigaer Straße gewohnt und ich war so fazsiniert von den
Gesichtern und Geschichten der Stadt. Ich hatte das Gefühl, dass ich
so richtig mittendrin war in Friedrichshain. Die Stadt hat sich mir
offenbart, ich war neugierig auf alles, was hinter jeder Tür gesteckt
hat und habe viele schöne überraschungen gefunden. An der HU habe ich
damals an einem Dokumentarfilm über das Rundfunkgelände in der
Nalepastraße gearbeitet, der natürlich niemals fertig geworden
ist….aber so habe ich gespürt, dass es hier richtig viel an gelebter
Geschichte gibt.

Und dann ging es irgendwann wieder zurück in die Niederlande… ja,
ich sollte eigentlich nur ein Semester bleiben, aber ich wollte nicht
gehen und aus 6 wurden dann 8 Monate, irgendwann musst man mich fast
mit Gewalt zurück holen. Ich fand das total krass, wie unglaublich
liberal alles hier ist. Ich komme aus Holland, wo jeder denkt, dass es
dort tolerant und liberal ist, aber das ist bullshit. Berlin ist so viel liberaler! Hier in Berlin
ist so viel raum - überall: auf der Straße, in der Wohnung und im Kopf! 

Was hast Du dann mit Deiner Berlinsehnsucht gemacht? Ich habe dann
noch dreieinhalb jahre in Utrecht gewohnt, bin aber immer wieder
hierher zurückgekehrt, fast jeden 2. Monat und insgesamt bestimmt 20
Mal. Und jedes Mal hatte ich das Gefühl: das ist ein ganz spezieller
Ort, an den ich hingehöre. Ich wollte aber nicht um jeden Preis nach
Berlin, nur um dann in irgendeiner Spülküche zu sein, ich wollte schon
etwas richtiges machen.

Das “richtige” ist Dir dann 2008 gelungen! Ja, und der Grund dafür
hatte viel mit meiner Liebe für Berlin zu tun. Ich habe in Utrecht im
Kulturbereich gearbeitet und dort ein Festival über Berlin
veranstaltet, über die Kulturen und Subkulturen und Berliner Filme und
Künstler nach Holland geholt. Das Festival hieß Mitte Bitte!, dort haben unter anderem. Caspar Broetzmann und Wir sind Helden gespielt. Es dauerte neun Tage lang und ist supergut angekommen, und da habe ich mich gefragt: Was ist jetzt der nächste Schritt?

…und wie sah er aus, der nächste Schritt? Zunächst gab es zwei
direkte Follow-ups: ein niederländisch-flämisches Kulturfestival in
Berlin, das Flachlandfest 2008. Fast aber noch wichtiger war ein Event
in Utrecht im Jahr 2009: Die Stadt hatte mich gebeten, einen “Berlintag” zu
veranstalten. Letztendlich wurde ein ganzes Wochenende draus an über
vierzig Locations in der Stadt, mit Bezug auf ‘20 jahre Mauerfall’.
Viele Bekannte Künstler haben mitgemacht, darunter Romy Haag, Thomas
Brussig, Herman van Veen, Alec Empire und Cees Noteboom. Daneben gab
es ein Buchprojekt über die Utrechter Straße in Wedding und eine
Parallelstraße dazu in Utrecht.

Welche Erinnerung hast Du mit dem Fall der Berliner Mauer? Ich bin 33
und habe den Mauerfall bewusst erlebt, ich war als kind schon ziemlich
neugierig. Mein Vater hat mich an diesem Abend aufgeweckt mit den
Worten: “steh auf, das ist Geschichte!” Aber bei Leuten, die ein paar
jahre jünger sind, ist das natürlich nicht der Fall. Mir war es
wichtig, innerhalb dieser Berlintage mit Kulturprogrammen persönliche Geschichten zu vermitteln, damit auch die Generation unter 30 einen Bezug zu etwas haben kann,was für die heutige Generation manchmal schon zu abstrakt ist.

Mit solchen Ideen arbeitest Du nun auch in Berlin. Ja, internationale
Verbindungen sind für mich ein ganz wichtiges Thema geworden. Ich
lasse mich inspirieren von der ganzen Welt, die hier in Berlin lebt,
die mit Couchsurfing zu Besuch ist oder aus welchen Gründen auch
immer. Ich bin ein Niederländer, der in Deutschland wohnt, sogar in
Berlin, meine Freundin ist Brasilianerin, mein Bruder wohnt in der
Schweiz, meine familie in Holland…Zur Zeit arbeite ich einem
Fotoprojekt ueber Fussball, das quer durch die Welt gehen soll Seit ich in Berlin lebe, bin
ich internationaler geworden, und offener für die Welt.

Erzähl noch mal ein bisschen von Deiner Anfangszeit 2004 in
Friedrichshain. Ich fand es einfach großartig dort. Ich habe in der
Rigaer in einer WG gewohnt und die Kneipe bei uns um die Ecke war das
Kellerloch, wo man reinkriechen musste. Ich hatte das Gefühl, dass ich
nur die Haustür öffnen musste und ich war mittendrin im reizvollen Leben. Die
Jahre darauf, als ich freunde besuchte war ich regelmäßig in
Friedrichshain, aber auch in Neukölln und Kreuzberg.

Jetzt wohnst Du wieder hier im Kiez, Du scheinst also nicht von
Friedrichshain loszukommen…Genau. Als ich eine 2008 eine Wohnung
gesucht habe, hatte ich mich für Friedrichshain oder Kreuzberg
entschieden- beides ist schön. Als ich aus der U5 gestiegen bin, habe
ich in der Samariterstraße einen Zettel am Laternenmast hängen sehen:
„Suche Nachmieter ab sofort“. Eine halbe Stunde später stand ich im
Wohnzimmer eines russischen Künstlers, der nach Sankt Petersburg
zurückwollte und dessen Nachmieter kurzfristig abgesagt hatte. Eine
weitere halbe Stunde später hatte ich den Wohnungsschlüssel. In Berlin
gibt es so viele tolle Ecken, aber wenn ich hier bin, dann ist das
wahrscheinlich einfach nur mein Kiez. Schöner zufall oder vielleicht
auch “Energie”.

Wie hat sich der Kiez für Dich seitdem verändert? Es gibt Veränderung,
das ist klar. Friedrichshain ist immer noch ganz toll und ganz nett
und wird es wahrscheinlich noch für eine Weile bleiben. Aber das ganz
Raue, was ich damals noch spürte, ist nicht mehr da. Ich liebe noch
immer gerne das RAW-gelände und ich erinnere mich, dass ich damals bei
Lesebühnenabenden war bei Kerzenlicht. Das Gelände ist immer noch
toll, aber jetzt wird der Untergrund dort kommerzieller betrieben. Ich
kann mich an viele tolle Parties erinnern in der 'Black Girls
Coalition’, einer Wohnzimmerbar. Dort hat eine 2-Meter-große Drag
Queen aus New York White Trash Musik aufgelegt…solche orte gibt es
nicht mehr so viele. Diese Gefühl findet man jetzt in anderen Ecken in
der Stadt. Und die Entwicklung, dass man 20% mehr Miete zahlen muss,
diese Entwicklung spüre ich natürlich auch.

Wie würdest Du Berlin mit einem Satz beschreiben? Mit einem kleinen
Bezug zur Filmgeschichte: “a city with lots of open space, filled in
by lots of people with open minds. Berlin open city. Even an open
book, if u look in the future”.

Und Friedrichshain? Friedrichshain ist für mich ein ganz lockere,
bunte Mischung zwischen politischem Aktivismus, zwischen
Internationalität und Stadtentwicklung. Immer noch.


Mehr von Peter? Bitteschön:

Mit seinem Caravan Hitchhiking Project ist Peter mit einem befreundeten Liedermacher von Utrecht nach Istanbul gereist - und zwar nur mit einem Wohnwagen. Wie das Projekt “Anhängerkupplung gesucht” von statten ging, könnt Ihr Euch im Trailer anschauen. 

Ein Video des Niemandsland-Festival in Utrecht seht Ihr hierVideos zum Flachlandfest hier.

Für Kenner der niederländischen Sprache: Peters musikalisches Berlin-Tagebuch aus dem Jahr 2004. 

Und zu guter Letzt kann man mit Peter die Stadt auf dem Fahrrad erkunden, bei Berlin On Bike.

# KARSTEN

Knorrpromenadentorhüter.


Sich in Friedrichshain mit Karsten zu treffen, um dabei ein Interview zu führen, ist gar nicht so einfach. Ins Gespräch kommt man schnell, aber man wird alle paar Minuten unterbrochen, denn Karsten ist sowas wie eine Kiezberühmtheit. Als alter Friedrichshainer kennt er sowieso Hinz und Kunz. Wenn man dann aber noch bekannt dafür ist, der Initiator der Rettung der berühmten Tore in der Knorrpromenade zu sein, dann kann es sein, dass plötzlich wildfremde Menschen anhalten, ihm auf die Schulter klopfen und ihm für sein Engagement danken. Wir haben Karsten deshalb einfach reden lassen und nur ein paar wenige Fragen eingestreut. So kam es zu interessanten Stories - erzählt in echter Berliner Schnauze, denn Karsten redet schnell, gern und ohne Punkt und Komma. Da war es ganz praktisch, dass alle zehn Minuten die Tram 13 vorbeifuhr und Karsten auch ein paar Mal zum Luftholen kam.

Wie kam es, dass Du Dich an der Knorrpromenade und Deinem Kiez so festgebissen hast? Daran ist eigentlich Sven vom Hops & Barley Schuld. Da muss ich aber etwas weiter ausholen. Ich war viele Jahre mit viel Einsatz in einer Werbe- Eventagentur tätig, bin dann aber „burn out“-nah raus! Nach einer Auszeit habe ich dann doch den Schritt in eine neue Selbstständigkeit gemacht und meinen Ghost Support Berlin als Werbe- und Eventagentur gegründet. Irgendwann in dieser Zeit kam Sven mit der Idee die letzten beiden Schmucktore vor dem Verfall und Abriss zu retten und dem Spruch um die Ecke: „Du hast doch eh Langeweile und das wäre doch genau Dein Ding, also mach watt!“ Ein Zitat begegnete mir zu dieser Zeit, keine Ahnung von wem das ist, passt aber wie Arsch auf Eimer: „Es ist herrlich, das zu verbinden, was man kann, mit dem, was man will!“

… und dann hast Du „mal watt jemacht“? Ich habe mich erstmal gefragt, wie man so was überhaupt anstellt. Ich hatte ja bis zu diesem Zeitpunkt schon einiges gemacht, aber noch keine Schmucktore repariert. Aber Sven´s Idee war echt gut und hat mich komplett infiziert. Ich wohn ja auch da um die Ecke und sehe das Elend täglich. Also hab ich mich erstmal umgehört und erfahren, dass man am besten einen Verein gründet. Das klang für mich erstmal ganz schön spießig und zunächst hatte ich nicht so richtig Bock auf Vereinsmeierei, aber die Vereinsform hat unbestritten einige Vorteile. Also hab ich mich in meinem Freundeskreis hier im Kiez umgehört und ruck zuck Leute gefunden, die sich nicht nur für diese Idee begeistern, sondern auch einen passenden beruflichen Hintergrund haben, der für unsere Mission nützlich sein könnte: Holger für den Denkmalschutz, Marco für Vereinsrecht und Gründungsberatung, Ingrid für die Grafik und Anja arbeitete zu dieser Zeit bei Stuke-Architekten. Bei ihr bin ich quasi nachts mit meiner Bitte eingefallen, dass wir jemanden brauchen, der das alles als Architekt fachlich betreut. Ihr Chef hatte dann die Mail von mir auf Anjas Schreibtisch liegen sehen, fragte nur: „ist das ein Projekt zum Geldverdienen oder Liebhaben“? - Ihre Antwort: „zum Liebhaben!“ Seine Antwort: „OK, ich helfe euch!“ Mein Fazit: „Unglaublich!“ Ich selbst mache das Projektmanagement, Sponsoring, Öffentlichkeitsarbeit und das Werbe- und Medien-Trallala. Und plötzlich gab es uns, den KiezGestalten e.V.

Wie ist die Reaktion in Friedrichshain auf Euer Projekt? Durchweg sehr positiv, sehr herzlich und auch dankbar! Man liest das gut im Gästebuch unserer Website, wirklich tolle Einträge und tolle Begegnungen hier im Kiez. Wir haben das Ziel, die Rettung der Schmucktore weitgehend aus dem Kiez heraus zu schaffen, damit auch ein Zeichen zu setzen und haben uns erst an den zuständigen Denkmalschutz, die Eigentümer und Mieter in der Knorrpromenade gewandt, dann an die Firmen und Geschäfte im Kiez, den Bezirksbürgermeister und die Medien. Und so viele machen mit! Friedrichshain fetzt eben urst!

Wie hast Du die Presse auf Eure Seite bekommen? Eine Reihe guter Medienkontakte und meine Erfahrungen im Projektmanagement hatte ich noch aus meiner Agenturzeit und die sind hilfreich bei der Entwicklung unserer Mission. Immerhin mit dem Ergebnis, dass wir nicht nur in der Friedrichshainer Chronik, unserem ersten Medienpartner, sondern auch in der Berliner Zeitung, der Berliner Woche, dem Tagesspiegel, und der Morgenpost waren, auch FluxFM und Urban Noize Radio berichteten und der rbb und Gute NachrichtenTV waren auch hier, auf KingFM läuft unser Werbespot. Es ist auch einfach ein schönes Thema, wir brauchen auch wieder mehr gute Nachrichten!

Was ist noch alles geplant, um die Spendentrommel zu rühren? Wir haben einige Veranstaltungen geplant, wie zum Beispiel ein Kiez-Fußballturnier und ein Kiez-Benifizkonzert auf dem Bolzplatz in der Knorrpromenade. Die Einnahmen gehen dann in unsere Mission. Alles natürlich im kleinen, nachbarschaftlichen Rahmen, denn wir wollen ja die Anwohner nicht belästigen, sondern sie einladen uns zu unterstützen und zum Mitmachen motivieren.

Wie viel Geld habt Ihr schon zusammen und wann solls´s losgehen? Momentan haben wir etwa die Hälfte der notwendigen Mittel in Form von Spenden und festen Sponsoren- und Förderzusagen beisammen. Wir sammeln kräftig weiter und haben hier noch lange nicht alles abgeklappert. Sobald die komplette Finanzierung steht, soll es auch losgehen. Unser Wunschtermin für den Start wäre Frühjahr 2013 und Fertigstellung dann vielleicht schon im Spätsommer. Wenn wir es dann geschafft haben, wollen wir mit allen ein stimmungsvolles Knorrpromenadenfest im Stil Berlin der 20er Jahre feiern. Wer unsere Mission unterstützen will, findet auf unserer Website und auf Facebook viele Informationen über die Entwicklung, den Stand der Mission und verschiede Spendenmöglichkeiten, sogar per SMS!

Neben der Rettungsmission der Schmucktore an der Knorrpromenade bist Du auch noch der Initiator von KOT-ASYL. Was hat es damit auf sich? Erstmal vorweg: Ich liebe Hunde. Ich hätte immer gerne einen Hund gehabt, aber das war früher wegen meines Jobs einfach nicht möglich … aber das ändert sich hoffentlich bald! Friedrichshain ist aber dennoch der Bezirk mit der höchste Dichte an Hundehaufen, wer es genau wissen will: 600 Stück pro Quadratkilometer! Ja, es gibt natürlich auch dafür eine Statistik! Das Problem sind dabei nicht die Hunde, sondern das andere Ende der Leine, die Halter! Da bei einigen Zweibeinern freundliches bitten, gut zureden, einfache Logik, deutliches Auffordern oder gar Ordnungsgelder offensichtlich nicht viel bewirken, man sieht und riecht es ja, kommen wir vielleicht mit Humor etwas weiter. Da diese Leute ja auch direkt hier wohnen, ist es ja fast so, als würden die sich selbst vor die Tür kacken. Entschuldigung, aber mir will sich der Sinn einfach nicht erschließen! Ich habe deshalb T-Shirts, Beutel und Taschen mit dem „KOT-ASYL Berlin-Friedrichshain“ Logo drucken lassen und vertreibe die hier derzeit testweise im Kiez, um auf humorvolle Weise auf das Problem hinzuweisen. Wenn die Website mit Shop und anderen lustigen Dingen steht, gibts einige dufte Überraschungen. Außerdem unterstützen ich dann mit 10% vom Umsatz dieser Sachen den Tierschutzverein für Berlin für den Betrieb des Tierheim Berlin.

Karsten, jetzt haben wir so viel über Deine Aktivitäten erfahren, aber noch gar nicht viel über Dich. Bist Du denn eigentlich ein echter oder zugezogener Friedrichshainer? Ich bin im Februar ‘67 im Krankenhaus Friedrichshain sicher gelandet und bin irgendwie nicht wirklich weit gekommen! Hab also immer hier gelebt. Echte Friedrichshainer sind wohl eine recht seltene Art hier. Ich hatte zwar mal überlegt, an den Rand zu ziehen, aber daraus ist zum Glück nie was geworden. Der Kiez hat zwar seine Ecken und Kanten, aber dadurch auch Charakter und Charme. Der Markt auf dem Boxi am Wochenende ist auch so ein Ding für sich, irgendwen trifft man da immer und schwatzt sich fest. Man hat dann zwar eine miese Rundenzeit, aber dafür nette Leute getroffen. Die am Abend platzenden Hostels, Rollkoffergeschwader und Partytouristen nerven zwar teilweise schon, aber dafür fühlt es sich hier nicht an wie eine „Open Air Seniorenresidenz“. Wer damit nun gar nicht klar kommt, hat ja noch die Optionen der vier Himmelsrichtungen. Ich mag es hier und bleibe hier. Friedrichshain ist lebens- und liebenswert und wir sollten uns das unbedingt bewahren!

Das Tor mitretten: auf der Webseite oder im sozialen Netzwerk

Kot Asyl - Webseite oder bei Mark Zuckerberg

Karstens Firma Ghost Support findet Ihr hier.

…und uns im sozialen Netzwerk auf unserer brandneuen Fanpage!

Mal wieder süßes satt? Dann macht mit beim großen Maerchenbrunnen Quiz! 

So geht’s: Facebook-Post liken und im Kommentar die dargestellten Maerchenfiguren auflisten. Das Gewinnspiel läuft bis 15. August 12.00, dann verlosen wir unter allen richtigen Einsendern einen Gutschein für skandinavische Süßigkeiten von Herr Nilsson GODIS in der Boxhagener Straße!

Den Post findet Ihr hier:

https://www.facebook.com/maerchenbrunnen.friedrichshain

# NOEL

Sportjournalist und Radiomoderator aus Vught, Niederlande.

Seit 2005 kommt Noël regelmäßig mit seinem Vater für ein paar Urlaubstage nach Berlin. Nachdem ihn die Stadt bei seinem ersten Besuch nicht sonderlich begeistert hatte, wurde es zwei Jahre später dann doch Liebe auf den zweiten Blick. Eine tragende Rolle bei dieser Lovestory spielt dabei Friedrichshain – im Industriepalast-Hostel in der Warschauer Straße logierte er, als er zum ersten Mal ohne Papas Aufsicht die Stadt unsicher machte. Seitdem werden seine Besuche bei uns immer länger und immer häufiger - „Friedrichshain hat einen festen Platz in meinem Herzen.“ Wie genau wir das geschafft haben, erzählt uns Noël kurz nachdem er wieder in seinen Heimatort Vught zurückgekehrt ist.


Noël, was findest Du eigentlich so toll an Friedrichshain? Die Atmosphäre, die Kultur, die Oberbaumbrücke…und das absolut tolle Nachtleben.

Wie unterscheidet sich Berlin von Deiner Heimatstadt in den Niederlanden? Einfach alles ist anders. Ich lebe in einem kleinen Ort in der Nähe von Eindhoven und seitdem ich das erste Mal das Berliner Nachtleben erkundet habe finde ich das Ausgehen zu Hause einfach nur noch langweilig. Da bleib ich lieber gleich zu Hause und denke die ganze Zeit an Berlin, Berlin, Berlin.

Was hat Dich am meisten an Friedrichshain überrascht? Dass die Menschen so wahnsinnig nett sind. Ich liebe die deutsche Sprache, ich verstehe fast alles, aber weil ich die Sprachen ständig mixe, spreche ich nicht perfekt deutsch. Absolut genial fand ich auch die Architektur in der Warschauer Straße, die Simon-Dach-Straße und den RAW-Club.

Was vermisst Du am meisten aus den Niederlanden, wenn Du in Berlin bist? Eigentlich gar nix. Als ich im Hostel einen Spanier und einen Isländer kennengelernt habe, bin ich mit denen in die holländische Snackbar De Molen in der Nähe vom Ostkreuz gegangen…aber nicht, weil ich Heimweh hatte, sondern weil die beiden einfach neugierig auf holländisches Essen waren. Wenn ich irgendwo anders als zu Hause bin versuche ich, mich mehr oder weniger wie ein Einheimischer zu verhalten, und das habe ich in Berlin auch getan.

Und was vermisst Du, wenn Du nicht in Berlin bist? Gibt’s ein Berliner Ritual, dass Du verfolgst? Ich suche schon die ganze Zeit nach einem anständigen Currywurst-Rezept, aber das ist total schwer zu finden. Tips werden gerne angenommen! In meinen Wohnzimmer habe ich eine deutsche Flagge aufgehängt und ich schaue mir ziemlich oft die Bilder an, die ich in Berlin gemacht habe.

Wie sehen Deine Pläne aus, kommst Du bald nach Berlin zurück? In dem Moment, in dem ich Berlin verlasse, mache ich immer schon Pläne für meine Rückkehr. Ich komme schon bald, Ende Juli, zum Testspiel vom 1. FC Union gegen den PSV Eindhoven, dann will ich nochmal im September oder Oktober nach Berlin kommen. Vielleicht komme ich auch zum Deutschlernen für eine längere Zeit.

Welcher Song erinnert Dich an Friedrichshain? Eine bessere Frage wäre: welcher Song erinnert mich nicht an Friedrichshain? An Berlin denken muss ich aber ganz besonders, wenn ich Wir sind Helden höre. Neulich habe ich einen Song von der Band Lonely Planet Germany gehört, der mir total gut gefallen hat. Laserkraft 3D mit Nein, mann! Ist auch immer gut. Und, natürlich: Berlin Sunrise von Fink.

Und noch ein letztes Wort zu unserem Kiez. Man muss Friedrichshain einfach lieben. Es gibt keine andere Option.

Wer der niederländischen Sprache mächtig ist: Noëls Freundin Marjolein betreibt den Berlin-Blog http://berlijn-blog.nl/

Currywurst-Rezepte für Noël bitte an Maerchenbrunnen bei Facebook

# ANA

Fotografin.

Ana Baumgart und Ina Schoof, ganz eindeutig nicht in Friedrichshain.

Ana kommt eigentlich vom Bodensee und ist nach einem studienbedingten Umweg in Bielefeld vor zwei Jahren in Berlin angekommen - für sie “nach Bielefeld ein sehr netter Ort zum Verweilen”.  Seit vier Jahren arbeitet sie mit Ina Schoof zusammen, die sie im Studium kennen gelernt hat. Da beide ihren Lebensmittelpunkt nach Friedrichshain verlegt haben ist es nur logisch, dass sie Videoinstallationen aus ihrer gemeinsamen Abschlussarbeit hier im Kiez zeigen.

Ana, erzähl mal, worum geht es in Eurer Arbeit? Wir haben den Wunsch das für uns Unmögliche zu überwinden, eine utopische Vorstellung zu verbildlichen, konsequent zu sein. Zu Beginn haben wir eine Idee, wissen aber nicht was auf unseren Reisen geschehen wird. Wir wissen nicht wie die Realität in unsere Vorstellung passt.

Ihr stellt Eure Arbeiten im "R. - Raum für drastische Maßnahmen" aus. Wie kam es zur Zusammenarbeit? Vor einem Jahr wurde der Raum für drastische Maßnahmen in Friedrichshain gegründet. Eine Plattform die Künstlern jeder Kunstrichtung die Möglichkeit bietet ihre Arbeiten zu zeigen und zur Diskussion zu stellen. Ein Austausch mit anderen Künstlern, spontanen Besuchern und Menschen die damit überhaupt nichts zu tun haben. Es werden Fotografien an die Wände gehängt, mit Farbe beschmodderte Leinwände versteigert, Kurzfilme prämiert, aus Tagebüchern vorgelesen und Bier getrunken. Ich habe den Verein für drastische Maßnahmen vor einem Jahr mitbegründet und sehe diesen Raum als ein sehr wichtiges und spannendes Projekt. Ich freue mich das wir dort unsere Arbeiten zeigen.

Du wohnst seit zwei Jahren hier im Kiez - was inspiriert Dich hier und was ist eher hinderlich für die Kreativität? Ich schaue mir gerne die Kaugummis auf den Strassen an. Es könnten auch Inseln sein. Manchmal muss man aber die Augen zu machen um sich nicht ablenken zu lassen.

Und wo gehst Du hin, wenn Du mal die Nase voll von Berlin hast?
An einen großen, schönen See.

"I guess you don’t know me" heißt Eure Ausstellung - verrat uns doch
mal ein Geheimnis, das keiner von Dir weiß. …na dann kommt mal vorbei!


I guess you don’t know me 01, 04, 05
Ana Baumgart & Ina Schoof
Freitag, 22.06.2012, ab 18 uhr (bis 23 uhr)
Samstag, 23.06.2012 14 uhr bis 22 uhr
Sonntag, 24.06.2012 14 uhr bis 19 uhr
Raum für drastische Maßnahmen
Oderstrasse 34, 10247 Berlin/Friedrichshain

# JANA

Luftakrobatin.

Mal ist sie die alte Frau Vladusch am Trapez, dann wieder ist sie die elegante Lady L’Aire, die am Tuch in der Luft tanzt. Seit über zehn Jahren ist Jana hauptberuflich als Luftakrobatin tätig und bringt Ihre Kunst mittlerweile auch dem interessierten Laien näher. Was eine Frau dazu bringt, mehrere Meter über dem Erdboden waghalsige Kunststücke vorzuführen und warum Luftakrobatik viel mehr ist als nur bloße Show, das erzählt Jana am Rande ihres Trainings im RAW-Tempel.

Jana, wie wird man Luftakrobatin? Bei mir hat das so angefangen, dass ich, als ich zum Studium aus München hier her gezogen bin, einen Sport gesucht habe, um fit zu bleiben. Zuerst hab ich an der Uni mit Partnerakrobatik angefangen, da macht man zum Beispiel Handstände aufeinander und so weiter… In Friedrichshain bin ich dann in die Off-Theaterszene reingerutscht und da ging es nicht mehr lange, bis ich mit Artistik und Trapez Geld verdienen konnte, um mir damit das Studium zu finanzieren.

Warum konnte es nicht einfach Yoga sein? Was hat Dich am Trapez so fasziniert? Das hat mich von Anfang an total gekickt. Man braucht viel Kraft dafür und doch ist es ein Spiel in der Luft.

Was bekommt man zu sehen, wenn man Dich als Luftakrobatin bucht? Da gibt es zwei Richtungen bei mir. Einmal ist das die „Kommerzschiene,“ das heißt ich trete auf Galas und Firmenfeiern auf. Da bin ich dann für sieben Minuten lang groß, stark und schön. Die andere Schiene ist meine Kunst, und die ist weitaus kompromissloser.

Gib Mal ein aktuelles Beispiel für Deine Kunst. Momentan probe ich für eine Romaninszenierung, die als ‘physical theatre’ umgesetzt ist, die auf Margaret Atwoods Roman ‘Cat’s eye’ basiert. Als ich diesen Roman gelesen habe, bei dem es um Mädchenfreundschaften und die Machtzerrereien dabei geht, sind viele Bilder aus meiner eigenen Kindheit wieder hochgekommen. Ich war mal positiv, mal negativ ergriffen und konnte mich sowohl mit der Täter- als auch der Opferrolle identifizieren. Ich habe mir dann eine Regisseurin gesucht und erstmal haben wir uns gegenseitig unsere Kindheitsstories erzählt. Bei der Vorführung sieht das dann so aus, dass ich solo an zehn Seilen und einem Gerüst in neun Metern Höhen hänge, darunter hängen Seile wie in einen Abgrund. Dazu wird ein eingesprochener Text und Musik abgespielt.

Daneben gibst Du auch Unterricht am Trapez im RAW-Tempel in Friedrichshain. Wer kommt zu Dir, um Luftakrobatik von Dir zu lernen? Das ist eine typische Berliner Mischung. Da sind Leute dabei, die fitnessmäßig Sport machen wollen, da sind Schauspieler dabei oder auch Leute, die sich auf die Zirkusschule vorbereiten möchten. Sie lernen bei mir nicht nur, ihre Kraft richtig anzuwenden, sondern eben auch das Spielerische – viele kommen einfach, um sich zu entspannen.

Welche Eigenschaften sollte man mitbringen, um Luftakrobatik zu lernen? Eigentlich kann es jeder machen, der nicht ein totaler Bewegungsanfänger ist. Die Kraft kommt beim Machen und man hat schnell kleine Erfolgserlebnisse.

Höhenangst darf man dabei wohl eher nicht haben? Wenn ich auf dem Trapez oder am Tuch bin, habe ich keine Angst. Wenn ich auf eine Leiter steigen muss, habe ich manchmal aber schon noch Respekt.

Wie gefährlich ist es, am Seil, Trapez oder Tuch zu hängen? Wenn man auf das richtige Material achtet, ist es nicht gefährlich. Alle tödlichen Unfälle in der letzten Zeit in Deutschland sind passiert, weil die Karabiner gebrochen sind. Man sollte also niemals am falschen Ende sparen.

Was ärgert Dich manchmal im Zusammenhang mit Deiner Kunst? Die starren Grenzen in Deutschland, wenn es darum geht, einen Förderantrag zu stellen. Kinder- und Jugendzirkus ist mittlerweile weit verbreitet, aber was ich mache, bewegt sich zwischen allen Genre-Grenzen. In Frankreich ist das Prinzip des „Neuen Zirkus“ total normal, aber hier wird eine Förderung oft mit der Begründung, dass es Show sei, abgelehnt. Bei einer Gala ist das natürlich diskutabel, aber meine Solostücke sind genauso Kunst wie eine Oper oder ein Theaterstück.

Wer mehr über Jana und ihre Akrobatik wissen möchte, erfährt dies auf ihrer Webseite www.janakorb.de.

Foto: © M.ika 

# LAURA

Illustratorin und Malerin

Skizzen und Bilder von der Oberbaumbrücke, der U-Bahn, Cafés und Clubs im Kiez: Laura hat immer einen Stift und Zeichenblock dabei und malt alles auf, was um sie herum passiert. Die Nordspanierin wollte mit ihrem baskischen Freund eigentlich nur für ein halbes Jahr nach Berlin - mittlerweile sind drei daraus geworden. Nach Stationen in Barcelona, Valencia und Mexiko fühlen sich Laura und Anders mittlerweile pudelwohl in Friedrichshain. Und bald wird es sogar einen neuen Friedrichshainer geben.

Erst Wilmersdorf, dann Friedrichshain. Wie kommt’s? Als wir in Berlin angekommen sind, kannten wir ja überhaupt gar nichts und sind deshalb in Wilmersdorf gelandet. Es ist ja auch sehr hübsch und grün dort…aber es passiert halt nicht sehr viel und es gibt auch nicht viele junge Leute dort.

Was magst Du sonst noch an Deinem Kiez? Es ist irgendwie wie ein Dorf hier. Mit dem Rad bin ich in ein paar Minuten überall und es gibt hier alles, was ich brauche.

Und was ist nicht so toll? Eigentlich nichts. Naja, die Kälte und das graue Klima. Alle sagen mir, man würde sich daran gewöhnen, aber ich glaube das nicht. Das Gute daran ist aber, dass man es viel intensiver merkt, wenn der Frühling beginnt. Man sieht es an den Gesichtern der Menschen: alle sind gut drauf und freuen sich.

Wie unterscheidet sich Dein Leben hier in Berlin von dem in Spanien? Es ist nicht total anders, aber hier versuche ich das zu tun, was ich tun möchte. In Spanien musste ich immer dafür sorgen, dass ich mich mit irgendwelchen Jobs finanziere, die ich eigentlich gar nicht machen wollte. Hier in Berlin gibt es mehr Möglichkeiten für mich und ich bin von Leuten umgeben, die das gleiche machen wie ich. 

Wo findest Du die Inspiration für Deine Zeichnungen und Bilder? Die Inspiration für meine Skizzen finde ich vor allem auf der Straße. Mich inspiriert die Architektur, die Restaurants, die Menschen in den Cafés. Vor allem im Sommer, wenn die Leute alle draußen in der Sonne sitzen. Größere Bilder male ich meistens nach Fotos ab.

Erinnerst Du Dich noch an das erste Bild, das Du in Berlin gemalt hast? Oh, da muss ich überlegen…ich weiß es nicht mehr. Wahrscheinlich war es eine Straße in Friedrichshain. Anfangs habe ich meine Sachen auf dem Kunstmarkt in Mitte verkauft, da musste ich mich an etwas touristischeren Motiven orientieren, wie dem Brandenburger Tor oder dem Fernsehturm…jetzt lasse ich mich eher von meinem Viertel inspirieren.

Welche Künstler bewunderst Du? Lucian Freud. Als ich das erste Mal ein Bild von ihm gesehen habe, dachte ich “Wow, so will ich auch malen”. Ich konnte mich sehr mit ihm identifizieren, weil er auch viele Menschen aus seinem Freundeskreis gemalt hat, wie ich. Dann gefallen mir noch einige, aber nicht alle Bilder von Gerhard Richter, vor allem die früheren, figurativen Bilder.

Was vermisst Du, wenn Du an Dein Zuhause in Valladolid, Spanien denkst? Neben meiner Familie und Freunden vor allem das Essen meiner Mutter. Jemand hat mich mal gefragt, wonach mein Dorf riecht: Ganz klar nach der Küche meiner Mutter. Das fehlt mir.

Was ist für Dich der “typische Friedrichshainer”? Den gibt es für mich nicht. Ich mag die Mischung hier. Ich wohne in der Nähe vom Rudolfplatz, da gibt es eine gute Mischung von älteren Leuten, Eltern mit Kindern, Punks mit ihren Hunden…das mag ich sehr.

Du bist schwanger, bekommst also selbst bald einen kleinen Friedrichshainer oder eine kleine Friedrichshainerin… ja genau. Ich bin fast ein bisschen neidisch, dass er oder sie dann zweisprachig aufwachsen wird. Es wird der erste Enkel für meine Eltern und sie sind schon ein bisschen traurig, dass wir so weit weg sind. Aber wir werden noch ein paar Jahre hier bleiben und dann wohl zurück nach Spanien gehen.

Was wünschst Du Dir für Deine Zukunft? Dass ich langfristig von meiner Kunst und den Illustrationen leben kann.

Welches Lied verbindest Du mit Berlin? Ojos de brujo: Sultanas De Merkaillo. Das habe ich immer im Auto gehört, wenn ich zum Kunstmarkt gefahren bin. Es ist ein sehr fröhliches Lied, das auch gut zu Friedrichshain passt.

Lauras Kunst gibt es auf ihrer Webseite http://lauranieto.com/, daneben ist sie auch bei den Urban Sketchers Berlin vertreten.

# CHRISTINE

Eisprinzessin

In ihrem Nine-to-five-Job jongliert sie den ganzen Tag mit Zahlen und Rechnungen, doch ihre wahre Leidenschaft gehört den Kufen. Damit sie am Wochenende in aller Herrgottsfrühe den Salchow, den Axel oder Pirouetten üben kann, verzichtet sie auch immer öfter auf das einst so heißgeliebte Friedrichshainer Nachtleben. 

Was verschlägt ein Thüringer Mädchen nach Berlin? Eigentlich der Job. Ich habe in Marseille in einer Eventagentur gearbeitet, aber mir haben meine Freunde zu sehr gefehlt. Ich wollte sie wieder mehr in meiner Nähe haben und habe mich in Deutschland beworben. In Berlin habe ich dann einen Job als Assistentin in einem französischen Hotel gefunden. 

Wo bist Du als erstes in Berlin gelandet? Von Anfang an in Friedrichshain. Ich bin in eine Sechser-WG mit drei Katzen gekommen und habe außerdem noch meine Katze Leo mitgebracht. In der WG war neben mir nur eine andere Frau und die Typen haben gedacht, dass wir die Putzfrau für sie spielen.

Wie war Dein erster Eindruck von Friedrichshain? Wie war das denn damals…jung und bunt sah’s aus, und das hat mir gefallen.

Du bist zwar umgezogen, aber dem Kiez treugeblieben. Gefällt es Dir hier heute immer noch? Eigentlich schon. Manchmal nervt es mich ein bisschen, dass es hier mittlerweile so viele Ich-bezogene Menschen gibt, die sich für den Mittelpunkt der Welt halten. Ich finde, früher konnte jeder so sein wie er will, aber aus diesem Freiheitsgedanken ist jetzt so ein Sortieren nach den Supercoolen und Uncoolen geworden. Wenn man nicht extravagant ist oder im kreativen Bereich arbeitet, gehört man irgendwie nicht dazu. Früher fand ich es toll, dass sich hier alles so gemischt hat, die Einheimischen und die Menschen die aus der ganzen Welt hier hergekommen sind. Jetzt ist das irgendwie nicht mehr so, sondern jedes Grüppchen ist nur noch unter sich: es gibt die Italienerclique, die Franzosenclique, die Spanierclique….

Du hast Dir ein paar Monate Auszeit in Chile genommen. Was hast Du dort vermisst? Die Eishallen.

Was hat Chile, was Berlin nicht hat? Das Wetter, die Wärme und das Meer.

Was fehlt in Friedrichshain? Eine richtig gute Eishalle. Ansonsten eigentlich nicht so viel, sonst würde ich ja woanders hingehen und nicht immer noch hier rumhängen. 

Wenn Friedrichshain eine Figur im Eiskunstlauf wäre, welche Figur wäre es dann? Der sterbende Schwan. Es ist eine sehr schöne, aber auch gefährliche Figur. Der Kopf ist ganz nah am Eis und es dreht sich so schnell…das kann auch daneben gehen.

Wen würdest Du gerne als nächstes bei Maerchenbrunnen sehen? Einen Friedrichshainer Frischling.

Widme Deinem Kiez ein Lied! Rolling Stones: Let’s spend the night together.


# GIANLUCA

Ein Römer in Friedrichshain.

In Gianlucas Bistro Aspettando Filippo hängen Claudia Cardinale und Vittorio Gassmann nicht nur an der Wand, man kann auch probieren, wie sie schmecken würden, wären sie als Ciabatta wiedergeboren. Scharf und pikant wie Vittorie de Sica oder sinnlich und vollmundig wie die Loren? Weil es ihm in Rom zu stressig war, wagte Gianluca vor drei Jahren einen Neuanfang in Berlin, und wartet seitdem ziemlich oft auf Filippo.

Warum hast Du das Aspettando Filippo in Friedrichshain eröffnet und nicht woanders? Als ich nach Berlin kam, habe ich einige Zeit in Friedrichshain gewohnt und den Bezirk vor allen anderen näher kennengelernt. Auch meine beiden jetzigen Geschäftspartner haben zu der Zeit in Friedrichshain gearbeitet und so haben wir wie selbstverständlich unsere Bar hier geöffnet.

Wer wartet auf Filippo und warum eigentlich? Als wir drei unsere Bar eröffnen wollten, haben wir uns oft getroffen, um unsere Ideen zu besprechen. Aber einer von uns, Filippo, war aus irgendwelchen Gründen oftmals nicht anwesend oder wir haben auf ihn gewartet. Inbegriffen den Tag, an dem wir den Namen für unsere Bar ausdiskutiert haben…aus der Situation heraus, entstand dann spontan der Name ‘Aspettando Filippo – Wartend auf Filippo’. Wir finden es auch sehr amüsant und nett, dass einige Kunden in dem Namen eine Parallele zu ‘Aspettando Godot – Warten auf Godot’ von Samuel Beckett sehen.

Was magst Du an Friedrichshain? Hauptsächlich die lässige Stimmung und die verschiedenen Möglichkeiten, die der Bezirk einem bietet; z.B. die Zeit tagsüber in einem gemütlichen Café lesend mit einem Cappuccino verbringen oder dann in einen Club gehen bis in die Morgenstunden.

Was nervt Dich an Friedrichshain? Wer aus Rom kommt, ist abgehärtet. Ich lasse mich also nicht so schnell ärgern.

Was können die Friedrichshainer von den Italienern lernen? Es kommt auf den Typ Italiener drauf an….Allgemein habe ich die Erfahrung gemacht, dass man immer irgendetwas von den anderen lernen kann, ob Deutscher oder Italiener.

Nach was riecht Friedrichshain? Und nach was Deine Heimat? Als ich in Friedrichshain ankam, roch es für mich nach Zukunft, nach Neuanfang, ich fühlte mich wie ein Maler vor seiner noch weißen Leinwand. Rom dagegen riecht und wird für mich immer nach Heimat, nach Familie, nach Kindheit riechen.

Wer sind Eure Gäste im „Aspettando Filippo“? Bei uns kommen unterschiedlichste Leute vorbei. Es sind vor allem junge Leute, die sich für eine Weile in unserem Bistro entspannen oder mit Freunden einen gemütlichen Abend verbringen wollen.

Welcher Persönlichkeit würdest Du gern mal einen Drink servieren? Darüber habe ich noch nie nachgedacht…ein Schriftsteller oder Musiker auf jeden Fall. Nick Hornby oder Paul Weller wären nicht schlecht.

Was tust Du gegen die Berliner Kälte? Irgendwelche speziellen Tips, Getränke oder Rezepte? Ich trinke literweise Tee, obwohl das nicht gerade mein Lieblingsgetränk ist. Im Allgemeinen beschwere ich mich nicht über das Wetter, aber ich muss gestehen, die letzten Wochen waren schon ziemlich hart.

Widme Deinem Kiez ein Lied! The Rakes - ‘1989’ (im Berlin-Interview/Anm.d.R.) und Brian Eno - ‘Needle in the Camel’s Eye’

Aspettando Filippo/Wühlischstraße 37/täglich außer Montags.

Jeden 2. und 4. Freitag im Monat: Aperitivo